Ein Felsbrocken zum Verschließen von Polyphems Höhle und Penelopes Thron, der von Freiern umlagert ist, – das waren die beiden einzigen Bühnenelemente, die in der Aufführung von „Odysseus‘ Abenteuer“ zu sehen waren. Da kaum ausschmückende Elemente das Auge fesseln konnten, rückte automatisch die Sprache in den Vordergrund und in diesem Bereich zeigten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler ihr Können.
Eine Reihe widriger Umstände führte dazu, dass die beiden Regisseurinnen Silke Schmeiser und Monika Wack in letzter Sekunde das ursprünglich geplante Stück „Arsen und Spitzenhäubchen“ durch „Odysseus‘ Abendteuer“ ersetzen mussten. Da blieben nur noch vier Wochen für die Proben übrig. Der Theaterabend bewies, wie dennoch eine schlüssige und gelungene Aufführung auf die Bühne gebracht werden kann.
Ein paar antike Gewänder für Odysseus und seine Gefährten sind schnell organisiert, dazu reichen weiße Leintücher oder ausrangierte weiße Messdienergewänder. Das genügte, um die Zuschauer Tausende von Jahren zurück in die Vergangenheit zu katapultieren. Alles andere oblag in erster Linie der Deklamation der Protagonisten.
Bis Odysseus nach dem Troianischen Krieg in seine Heimat Ithaka zurückkehren konnte, irrte er zusammen mit seinen Gefährten (Lea Albrech, Anton Nehlig, Julian Dietrich, Linda Doller, Méva Kremer) zehn Jahre lang auf dem Meer herum. Immer wieder gerieten sie in brenzlige Situationen, aber dank seiner Schlauheit und Intelligenz konnte Odysseus immer Lösungen finden. So verwundert es nicht, dass die Rolle des Odysseus doppelt besetzt wurde, einmal mit Angelina Hartmann und dann, wenn sein großes Ego zum Vorschein kam, mit Jakob Hsu. Denn Odysseus, der sich seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten bewusst war, ließ mitunter auch eine gewisse Überheblichkeit erkennen.
Zunächst gerieten er und seine Gefährten auf der Insel Sizilien in Gefangenschaft des einäugigen Schafhirten Polyphem (Frieda Vogt). Durch den listigen Odysseus konnten sie sich aber aus der Gefängnishöhle befreien. Zuerst rammten sie dem Riesen einen glühenden Pfahl in sein einziges Auge, dann klammerten sie sich an den Bäuchen seiner Schafe fest, die er morgens zum Weiden aus der Höhle herausließ. Als nächstes Abenteuer war ein heftiger Seesturm zu überstehen, den die Gefährten selbst verursacht hatten: Aiolus, der Gott der Winde, hatte Odysseus nach ihrer Begegnung einen verschlossen Schlauch aus Rindsleder mit Winden geschenkt. Obwohl Odysseus seinen Gefährten verbot, den Schlauch zu öffnen, gehorchten die Freunde seinen Anweisungen nicht, so dass nach dem Öffnen des Schlauches ein heftiger Sturm (Marie Appel) über das Meer tobte. Kaum war dieser überstanden, wurden die Gefährten beim Erkunden der Insel Aiaia von der Zauberin Kirke (Mia Weber) in Schweine verwandelt. Das Publikum konnte sich über die mit papiernen Schweinrüsseln ausgestatteten, auf dem Bühnenboden grunzenden und im imaginären Dreck wühlenden Schauspielerinnen und Schauspieler amüsieren. Durch das Verhandlungsgeschick von Odysseus kamen die Gefährten wieder frei, und schon wartete die nächste Gefahr: die Sirenen. Diese lockten mit ihrem Zaubergesang die Menschen auf ihre Insel, weil sie angeblich in die Zukunft sehen konnten. Dort sollten die so Verführten allerdings sterben. Odysseus bewältigte diese Gefahr, indem er die Ohren seiner Gefährten mit Wachs verstopfte und sich selbst, weil er neugierig dem Gesang lauschen wollte, an den Mast des Schiffes fesseln ließ.
Endlich erreichten sie die Insel Ithaka und Odysseus begegnete als Bettler verkleidet seinem Sohn Telemach (Feline Jost), der ihn jedoch nicht erkannte. Er klagte über das traurige Schicksal seiner Mutter Penelope (Carolina Saalfrank), die Tag und Nacht von Freiern (Frieda Vogt, Alexandra Wiebe) umlagert und bedrängt werde. Deshalb hatte sie den Freiern die Aufgabe gestellt, mit Odysseus‘ Bogen acht Axtringe zu durchschießen.
Keinem gelang dies, nur dem als Bettler verkleideten Odysseus selbst. Telemach erkannte seinen Vater und freute sich über dessen Rückkehr, er war sich nur nicht sicher, ob seine Eltern nach so langer Trennung miteinander wieder auskommen würden...
Da hat der Stoff aus längst vergangenen Zeiten mal wieder gezeigt, was in ihm steckt. Die in der Mythologie eingewobenen fantasievollen Bilder und Erlebnisse brauchen keine Visualisierung, sie verschicken Impulse für das Kopfkino des Publikums, so dass jeder seine eigenen Vorstellungen erträumen kann. Das gelingt allerdings nur, wenn der Inhalt mit klarer und einfühlsamer Sprache präsentiert wird. Genau da lag die Stärke der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Akustik der Aula hatte sich mal wieder bewährt: Hier sind für die Lautstärke keine Headsets nötig. Die Texte wurden nicht runtergeleiert, sondern ausdrucksstark rezitiert, manchmal geradezu mit Pathos vorgetragen. Die Rollen und Ihre Texte hatten alle Schauspielerinnen und Schauspieler inspiriert, so dass Einfühlungsvermögen und Emotionen gezeigt wurden. Die Theater-AG hat Homer wieder zum Leben erweckt.
Ein Bravo an alle Mitwirkenden! Ein doppeltes Bravo für die gelungene Aufführung trotz sehr kurzer Probezeit!
Susanne Gastauer






